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Multitasking und die Folgen

Neulich telefoniere ich mit meiner Freundin, wollen wir sie „Paula“ nennen, die mich seit längerer Zeit wieder mal anrief, um zu plaudern. Ich freue mich stets, wenn wir uns austauschen, aber dieses Mal hörte ich im Hintergrund immer wieder Nebengeräusche, die die Kommunikation für mich schwierig machten.

Als immer mehr ihrer Worte von Geklapper und Geschepper verschluckt wurden, fragte ich Paula, was sie denn gerade täte. „Ich räume gerade die Küche auf“, war ihre Antwort und es war für sie völlig okay, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit zur Hälfte bei der Haushaltsarbeit war und nur zur anderen Hälfte bei unserem Gespräch.

Paula war natürlich überhaupt nicht bewusst, dass sie sich selbst mit ihrem Multitasking keinen Gefallen tut (und unserem Gespräch auch nicht). Die allgemeine Meinung suggeriert uns, dass wir ständig aktiv sein müssen, dass wir ständig etwas tun müssen, um ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein und dass es toll ist, wenn wir 2 oder gar 3 Dinge gleichzeitig erledigen, denn dann würden wir ja viel Zeit sparen. Je mehr, desto besser. „Nichts tun“ wird mit faul sein gleichgesetzt und ist unerwünscht.

Aber was geschieht eigentlich mit dieser „eingesparten“ Zeit, die wir auf ein imaginäres Zeitkonto buchen? (Ich fühle mich dabei auf erschreckende Weise in Michael Endes „Momo“ versetzt…) Super, da haben wir Zeit, noch mehr zu erledigen, denn wir nutzen sie nicht, um uns eine Verschnaufpause oder gar einige relaxte Minuten für uns ganz allein zu gönnen, sondern hetzen bereits weiter zur nächsten Aufgabe, die wir schon im Kopf haben, noch ehe wir unsere derzeitige Multitaskingaktion beendet haben.

Nun findet dieses Phänomen nicht nur im Privatleben statt, sondern auch am Arbeitsplatz und auf den Wegen dazwischen, wenn viele Menschen das Handy auch beim Autofahren benutzen, oder mit Kopfhörern Rad fahren oder Fußgänger den Blick nicht vom Smartphone abwenden. Wie vielen Fast-Zusammenstößen bin ich glücklicherweise entgangen, obwohl andere Radfahrer mit Kopfhörern plötzlich als Geisterfahrer um eine Hausecke herum auftauchen oder nicht die extra breite Fahrradstrasse am Franz-Hinterholzerkai benutzen, sondern auf dem Gehweg daneben flott stadteinwärts in die Pedale treten, so dass man als Fußgänger gerade noch so beiseite springen kann.

Da nehmen sich viele nicht die Zeit, zu schauen, sich zu orientieren und zu konzentrieren und fahren mit hohem Tempo in die Gehetztheit und ins Burnout oder einem selbst verursachten Unfall entgegen, weil es ihnen im wahrsten Sinne „den Boden wegzieht“, weil sie jede Erdung verlieren.

Wenn man sich so verhält, dann ist man mit seinen Gedanken und auch mit seinem Tun nie in der Gegenwart. Der Verstand ist entweder in die Vergangenheit gerichtet und beschäftigt sich mit dem, was man besser hätte machen können oder er blickt bereits wieder in die Zukunft und scannt ab, was noch zu erledigen ist und was man vielleicht wieder parallel zueinander erledigen könnte.

Noch schlimmer ist, wenn man mit Angst in die Zukunft sieht. Das alles verbraucht jede Menge wertvolle Energie, denn worauf meine Aufmerksamkeit gerichtet ist, dorthin fließt auch meine Energie. Und das ständig denkende Gehirn braucht jede Menge davon.

Vieles wird erledigt, aber nichts richtig, weil Verstand und Tun nie gleichzeitig und konzentriert miteinander arbeiten dürfen. Wir agieren „halbherzig“. Das Gefühl, etwas in Ruhe und Aufmerksamkeit geschafft zu haben, stellt sich nicht ein. Man ist nie mit sich zufrieden, fühlt sich nie befriedigt und ausgeglichen. Die Aufmerksamkeit geht immer mehr von sich selbst weg, denn alles andere scheint wichtiger zu sein. Sogar Essen wird zur lästigen Notwendigkeit der Nährstoffaufnahme, um zu funktionieren. Die Anspannung wird zur Dauerspannung. Das tut auf Dauer keinem Menschen gut und irgendwann wird er krank.

Aber Jeder hat die Chance, jederzeit sein Leben neu auszurichten. Es ist gar nicht schwer, sich dessen bewußt zu werden, wie viel Lebensqualität man zurück gewinnt, wenn man im Augenblick lebt.

Es hat keinen Sinn, seine Gedanken immer wieder zu negativen Situationen in der Vergangenheit wandern zu lassen, die nicht mehr zu ändern sind und genauso wenig Sinn macht es, sich mit (unangenehmen) Ereignissen zu beschäftigen, die vielleicht in der Zukunft auftauchen könnten (vielleicht tun sie das aber gar nicht).

Wenn man vollkommen im Jetzt ist, fallen die Last der Vergangenheit und der Zukunft von uns ab und wir können uns mit ganzem Herzen unserer gegenwärtigen Aufgabe widmen, sie genießen, sie in Ruhe beenden und wenn wir so weit sind, dürfen wir uns in Ruhe der nächsten Tätigkeit zuwenden. Auch Arbeiten, die man nicht so gern macht, werden dann gar nicht als so unangenehm empfunden.

Das Beste daran ist, dass wir dabei das Gefühl erleben, auf einmal mehr Zeit zur Verfügung zu haben und das Leben ruhiger und gelassener angehen. Spürst Du es schon beim Lesen? Es fühlt sich befreiend an und es beinhaltet auch die Erlaubnis, sich selbst Zeit für Entspannung zu geben, denn das Leben besteht sowohl aus Phasen der Anspannung als auch der Entspannung. Das ist ganz natürlich.

Es bedarf lediglich unserer Aufmerksamkeit: Wann bin ich im Jetzt oder wo beginnen meine Gedanken abzudriften? Dann akzeptiere, dass es so ist und nimm dich wieder zurück und gewöhne dich immer mehr daran, deine gesamte Aufmerksamkeit in das zu legen, was du gerade tust. Wenn du dich dabei ertappst, wie du wieder mehrere Dinge gleichzeitig angehst, versuch´ es zu erkennen und vermeide es. Lass´ dich nicht von jenen mitreissen, die in ihrem gehetzten Leben verharren. Jeder fällt seine eigenen Entscheidungen und ist für sich selbst verantwortlich.

Schau auf dich und dein Wohlbefinden. Sei geduldig und mach´ kleine Anfangsschritte. Am schönsten ist es, wenn man etwas tut, bei dem man völlig die Zeit vergisst, weil man es so gern tut, dass die Energie und die Aufmerksamkeit scheinbar von selbst in die Tätigkeit fließen. Das ist dann wohl die höchste Stufe der „Gegenwärtigkeit“…Dale Carnegie verpackt dieses Lebensgefühl in den schönen Satz „Sorge dich nicht – lebe!“ Viel Freude beim Ausprobieren.

Zur intensiveren Beschäftigung mit dem Leben im Augenblick:
Eckhart Tolle „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ und „Leben im Jetzt! Lehren, Übungen und Meditationen aus „The Power of Now“, Arkana Goldmann

Eckhart Tolle kommt am 12. Oktober 2019 mit dem Vortrag „Jetzt oder nie“ in die Arena Salzburg.

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